1/2 Ironman 2006 – Graz/Schwarzlsee

Respekt und Demut

Am 27.05.2006 starte ich um 11:00 Uhr zu meinem ersten Halb Iron Man in Graz. Es galt 2150 Meter zu schwimmen, dann 77 km (bei 1200 Höhenmeter!) Rad zu fahren und im Anschluss daran 19,2 km zu laufen. Es gelang mir das alles in 5:17:56 Stunden hinter mich zu bringen, aber es war wohl mitunter das Härteste was ich mir und meinem Körper je zugemutet habe – gleich vorweg: Es machte aber auch Lust auf mehr.

Die Vorbereitung:

Lauftechnisch gesehen war ja der Linz Marathon Ende April meine Vorbereitung was die Grundlagenausdauer betraf. Mit dem für den Marathon gewählten Laufplan schaffte ich es locker mir einmal eine gute Basis für lange Belastungen anzueignen und schon beim Linz Marathon wusste ich, dass das Laufen die richtige Entscheidung gewesen war.

Nach dem Linz Marathon blieben mir also noch 5 Wochen um mich schwimmmäßig und was das Radfahren betraf zu trainieren. Beides erwies sich als schwieriger als gedacht. Durch das übliche Motivationsloch nach dem Marathon ging die 1. Woche gleich mal weg für Regeneration. Und die Woche vor dem Wettkampf musste ich „zwangsweise“ pausieren um meinen Körper gut vorzubereiten. Blieben also 3 Wochen Training für zwei Sportarten für die ich alles andere als im Training war. Doch ich zog es durch. Ging meine zwei Mal pro Woche schwimmen im Ausdauerbereich, fuhr so viel ich konnte mit dem Rad (ca. 150 km / Woche) und das Fitnesscenter sollte mir die restliche Grundkraft verschaffen. Das alles bewährte sich dann so in etwa am Tag des Wettkampfes.

Am Mittwoch kam die eh schon gewohnte obligatorische Nervositätsverkühlung auf Grund der Vor-Aufregung. Donnerstag ging’s dann schon schlechter, denn wieder einmal beleidigte ich mir beim Tennis spielen mein Kreuz sehr und hatte von da an die Flexibilität eines Besenstieles. Einseitige Schmerzen die ins linke Bein ausstrahlten und auch mit Dehne und Krafttraining nicht weg gingen, machten mir schon große Angst beim Wettbewerb überhaupt antreten zu können. Aber das lockere Einschwimmen am Freitag Abend im See (bei 17 Grad) lockerte die Muskel und der Schmerz wurde geringer. Ich wurde ruhiger, wenn auch an schlafen nicht wirklich zu denken war. Natürlich hatte ich viel trainiert – aber war es auch ausreichend? Würde ich die 5 – 6 Stunden wirklich durchhalten. Wie würde es mir nach dem Schwimmen gehen. Immerhin war ich nur ein Mal die gesamte Distanz im Training geschwommen und das war alles anderes als „easy going!“. Was würde mein Kreuz nach den geschätzten 3 Stunden am Triathlonlenker sagen? Nur das Laufen machte mir wenig Sorgen. Bis dahin wollte ich kommen – irgendwie…

Wettkampftag – Samstag – Jetzt wurde es ernst

Widerwillig gefrühstückt, da ich ein wirklich flaues Gefühl im Magen hatte. Die Angst wurde immer stärker. Immerhin wollte ich mich nicht enttäuschen und schon gar nicht die Menschen die mit mir mitgereist waren um mich zu unterstützen. Der Tag empfing mich mit leichtem Regen und ich malte mir schon die Horrorszenerien am Rennrad aus. Aber dann beim Check in um 10:00 Uhr war alles vorbei. Mein Geist und Körper hatte resigniert mir Angst zu machen – es war klar: Ich würde starten.

Schwimmen

Wenn 400 Menschen gemeinsam in einen See springen um wie die Wilden drauf los zu schwimmen darf man nicht allzu zimperlich sein. Ich kannte das ja schon von meinen Triathlons am Mondsee, aber dort waren es in den Intervallen nie mehr als 100 auf einmal. 400 Menschen, 400 Ehrgeiz-zerfressene Männer waren aber auch eine Erfahrung. Selbst in der zweiten Runde stieß ich noch mit anderen Schwimmern zusammen bzw. schwamm selber „über“ andere. Aber ich bekam keine Schläge ab und es passierte nichts, außer dass ich einmal kräftig Wasser schluckte. Nach dem Start kam mal das übliche „Stressschwimmen“. Atmung auf Sauerstoffschuld, wenig Rhythmus, einfach nur einen Weg zu nächsten Boje finden. Doch nach ca. 8 Minuten war ich mit mir im Lot. Die Atmung funktionierte gut, an die Technik hielt ich mich und versuchte länger als sonst zu gleiten und mit der Orientierung ging’s super. Als die erste Runde vorbei war sah ich auf die Uhr und es waren gerade mal 22 Minuten vorbei. Das konnte ich kaum glauben. Ich war sauschnell mit einem 2min/100 Meter Schnitt unterwegs – für meine Laienverhältnisse mehr als ich je erwartet hätte. Gerechnet hatte ich mit 2:15/100m. Ich war voll im Rhythmus, hatte keine Atemprobleme (auch wenn ich nie auf meinen 3er Zug kam) und die Arme hielten, was sie mir im Fitnesscenter versprochen hatten. Tricepsübungen hatten sich voll bezahlt gemacht. Die zweite Runde verging wie im Flug und als ich aus dem Wasser stieg waren gerade mal 44 Minuten vergangen. Es ging mir blendend und ich war 6 Minuten über meinem Plan.

Das Radfahren

Der Wechsel aufs Rad gestaltete sich einfacher als gedacht. Aus dem blöden Neoprenanzug kam ich relativ schnell heraus und nach knappen 5 Minuten war ich „ready for action“. Schon der Veranstalter verwies auf die 1200 Höhenmeter die es zu schaffen ging. 600 pro Runde. Ich hatten den Höhenplan so in etwa im Kopf und wusste wann, was auf mich zukommen würde – zumindest dachte ich das. Es ging immer ein wenig auf und ab bis etwa nach 25km eine Strecke über 5km in einer 3er Welle auf mich zukommen würde. Das waren die Steilstücke und die galt es zu schaffen uns sich dort nicht komplett zu zerstören. So war’s dann auch. Schnell fand ich einen vergleichbaren Radpartner mit dem ich die erste Runde absolvierte. Die 3er Welle war schlichtweg Wahnsinn. Beim dritten Berg ging es 10 Minuten nur „stehend“ bergauf. Kaum Ruhepausen. Teilweise Geschwindigkeiten unter 10km/h. Danach war die Runde fast vorbei und als ich zur zweiten Runde antrat machte ich mir kaum mehr Sorgen, außer eben vor dem Anstieg beim dritten Berg. Auch das Kreuz machte sich bemerkbar – wenn auch nicht an der Stelle vom Donnerstag. Ich spürte nur, dass die Muskeln schon ziemlich die Nase voll hatten vom Triathlonlenker. Aber immerhin waren es noch 33km die es zu meistern ging und ich fuhr halt mehr aufrecht. Mein Radpartner und ich stießen auf eine 3er Gruppe, deren Geschwindigkeit wir uns anpassten und so rauschten wir mal bis zum 1.Berg mit einem 40iger und ich bei Puls von um die 140 Schläge / Minute durch die Landschaft. Das war sehr cool. Beim ersten Berg aber dann rächte sich meine defizitäre Radausstattung. Mein „Rennrad“ hat ja fast so viele Jahre auf der Stange wie ich und die Schaltung verabschiedete sich. Der 1.Gang funktionierte nicht mehr und schlussendlich sprang mir die Kette 3mal bei den diversen Anstiegen heraus. Das hieß: Raus aus den Clipps, Kette einhängen, härter Antreten um Geschwindigkeit aufzunehmen und weiter. Natürlich verlor ich meine Radgruppe – machte aber nichts. Ich beschloss sowieso ein wenig zurückzuschalten und mich auf das Laufen vorzubereiten. Berg Nr. 3 schaffte ich noch „irgendwie“ und weiß nur noch, dass das die Hölle war. Danach ging’s aber Richtung Ziel und ich hatte die 77 km geschafft. Mit 2:37h war ich voll in der Zeit und ich hatte ja noch Bonus vom Schwimmen.

Das Laufen

In der Wechselzone 2 verbrachte ich knappe 3 Minuten, von denen ich ca. 30 Sekunden mal zubrachte um mein Kreuz gegen zu dehnen. Das war nötig, wenn auch nicht aus Schmerzgründen. Dann raus auf die Laufstrecke. 4 Runden zu je etwa 5km waren zu meistern. Das sollte doch locker funktionieren. Ich nahm mir meine Rundenzeit für den den Linzmarathon als Vorgabe, also 5min/km – Im Nachhinein gesehen wäre sich mit dieser Zeit sogar die 5 Stunden Grenzen ausgegangen. Aber es kam alles anders. Ich starte mit dem Laufen und mir kam vor, als fasste meine Lunge nur noch ein Viertel von dem was normal war. Außerdem hatte ich schmerzen im Brustbereich und ich bekam einfach nicht mehr Luft rein. Als ich auf nach einem Kilometer auf die Uhr sah, stand da 6:15min. So langsam war ich noch nie gewesen. Das Luftgefühl blieb aber und auch wenn meine Beine noch wesentlich mehr hergeben hätten – mehr ging nicht. Mein Puls klebte auf 160/min und ich war ziemlich fertig. Dazu war mir die Laufstrecke unbekannt und eigentlich ging mir alles nur noch am Nerv. Das war der Punkt an dem es mir nicht mehr unbedingt nur noch Spaß machte, auch wenn das Wetter toll war (Sonnenschwein, leichter Wind). Ich rechnete hoch, dass ich bei dieser Ge(h)schwindigkeit mehr als 2 Stunden brauchen würde und ich war mir sicher, dass ich DAS emotional nur schwer verkraften würde. Aber es kam anders. Irgendwie schleppte ich mich über diese ersten 5km, bekam dann noch emotionale Unterstützung durch meine Fans *g* und am Anfang der zweiten Runde sah alles schon ganz anders aus. Die Lunge öffnete sich, die Rundenzeiten pendelten sich bei 5:30min ein und ich war zufrieden. Ab da an ging’s nur noch einfacher weiter. Meinen Puls hielt ich stabil, meine Zeit auch und emotional war mir klar, dass ich diesen Bewerb geschafft hatte. Runde zwei verging recht angenehm. Meinen Fans konnte ich ein wenig Angst nehmen, dass ich aufhören würde und Runde 3 war dann überhaupt kein Problem mehr. Auf meiner letzten Runde gab ich dann noch ein wenig Gas, einfach nur um zu sehen ob noch mehr möglich gewesen wäre. Mit Rundenzeiten von 5min/km und Puls 165 war klar – JA, es wäre noch mehr gegangen – zumindest von den Bergen her. Aber ich war sowieso schon mehr als 10 Minuten vor meinem 5:30 Stunden Plan und ich hatte eigentlich keinen Bock mehr darauf da noch was zu riskieren. Einen kleinen Zielsprint stimmte ich auf den letzten 300 Metern noch an. Und dann lief ich ein. Nach 5 Stunden 17 Minuten und 56 Sekunden hatten mein Körper mein Geist und ich das Ding geschaukelt.

Ich empfand tiefen Respekt und Demut, wie jedes Mal am Ende solcher Bewerbe. Respekt für alle Teilnehmer die das geschafft hatten. Respekt vor mir, meinem Willen zu trainieren, der Konstanz das durchzuziehen, auch wenn nicht klar war wie es ausgehen würde. Und vor allem Demut: Wieder kam das Bild hoch, als ich mit dem Rollstuhl in das Sanatorium Döbling rolle und eine Zeit lang nicht klar ist, ob ich jemals wieder Sport machen würde können. Demut vor meinem Körper, der sich mehrheitlich wacker hält und alles mitmacht was wir gemeinsam so planen. Demut aber auch vor den Dingen, die man nicht lenken kann – so sehr man es auch noch probiert. Demut und Zufriedenheit, gesund zu sein, mich bewegen und an so einem Wettbewerb überhaupt teilnehmen zu können. Demut vor mir, das beste aus mir rauszuholen, auch wenn das nicht immer leicht ist und nie werden wird.

Und natürlich strahlte ich wie ein Honigkuchenpferd, wenngleich ich auch sehr fertig war. Geplant, ausgeführt und beendet. Das alles um 13 Minuten schneller als erwartet, mit vollkommen unerwarteten Situationen (Schwimmen super, Rad auch, Berge wahnsinn, Laufen anfangs nicht toll). Etwas zum Abhaken stand in einer der Glückwunsch SMS. Eher etwas zum Einhaken find ich, denn der Ironman in Klagenfurt nächstes Jahr ist das erklärte Ziel für 2007. Der Wachaumarathon in weniger als 3 Stunden das Ziel für heuer. Und davor zum Darüberstreuen eine Kurz-Triathlon Zeit von weniger als 2:30h beim heurigen Mondseetriathlon. Dann kann ich auch endlich mein Versprechen einlösen und mir ein neues Rennrad kaufen – das wird fällig bei einer Zeit unter 2:30h – bis dahin muss der alte treue Gaul herhalten und die Oberschenkel den Rest erledigen.

Schön war’s. Unfassbare Eindrücke haben sich wieder in meine Großhirnrinde gebrannt. Unauslöschbar – nur noch erweiterbar.

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