Ironman 2007 – Laufen 42,2km

Beim Verlassen der Wechselzone sah ich meine Eltern die mich aufmunterten. Später sagte sie mir, dass ich da schon ziemlich fertig ausgesehen hatte. So fühlte ich mich auch. Die Beine waren schwerer als schwer, fast tot und die Hitze brachte mich um. Der Puls klebte bei 145, aber mehr ging einfach nicht, um den Kreislauf nicht zusammenbrechen zu lassen. Noch wusste ich nicht wie schnell ich war. Es kam mir zwar langsam vor, aber das ist ja immer so nach dem Umstieg vom Rad auf die Laufschuhe. Bei KM 2 drückte ich auf die Uhr und die blieb bei 12:55 stehen. Enttäuschung machte sich breit. Verzweiflung kam auf … aber da waren schon meine Fans und Betreuer und feuerten mich an. Also lief ich weiter. „Das muss doch schneller gehen“ dachte ich mir, und gab die nächsten beiden Kilometer mehr Gas. Der Erfolg? Eine 6:00 auf den KM. Also mäßig. Bei diesem Tempo würde der Marathon mehr als 4:15 dauern. Das wusste ich.

Aber es wurde schlimmer. Nach diesen 4km war klar, ich würde den 6min Schnitt nie und nimmer halten können. Mein Kreislauf war kaputt, meine Beine lehr. Und weil eben nichts mehr ging – ging ich eben und versuchte mich zu fassen. Ich versuchte positiv zu denken, mir einzureden, dass ich mehr als 9 Stunden Zeit für den Marathon hätte um ins Ziel zu kommen usw. – aber mit mäßigem Erfolg. Ich war einfach fix und fertig.

Bei KM9 sah ich wieder meine Fans, die mir im Nachhinein auch bescheinigten, dass ich da schon sehr sehr fertig ausgesehen hatte. War ich ja auch. Ganz schlimm wurde es bis KM12. Für dort hatte sich ja Conny angekündigt und auf die freute ich mich. Kurz vor der Tafel kam mir Julian schon entgegen und fragte mich wie es mir ginge. Ich verkniff mir die Antwort. Gleich darauf kam Conny. Sie sagte nicht viel, aber das Richtige. Dass sie stolz wäre was ich geschafft hätte etc. Ich freute mich, aber wir wussten beide, dass das noch ein hartes Rennen werden würde. Ich ärgerte mich vor allem über mich selber. Ich hatte das Rennen anscheinend beim Radfahren verschissen. Ich musste einfach zu schnell gewesen sein, denn ich war einfach fix und fertig. Einen KM durchlaufen gelang mir nur mit Mühe und blanker Not. Zeiten von 7 bis 8 Minuten !!! für den Kilometer waren keine Seltenheit.

Ich setzte mich kurz bei Conny nieder. Ein Fehler, denn sofort drehte sich die Welt um mich herum. Also sofort wieder auf und weitergegangen. Ich entschuldigte mich noch knapp, dass das leider heute etwas länger dauern würde und lief/ging weiter.

An diesem Punkt sagte mein Körper, dass er nun endgültig genug hatte. Die Beine schwer wie Blei, der Kreislauf nicht fähig einen Puls von mehr als 145 zu schaffen. So sollte ich noch 30km hinter mich bringen können? Das machte nicht gerade Mut. Das war der Moment an dem ich zum ersten Mal an Aufgeben dache – und genau an diesem Punkte fing mein Ironman eigentlich erst an. Ich machte mir nichts vor, sagte mir immer wieder, dass es eben länger dauern würde. Aber ich sprach mir immer Mut zu und, dass ich dieses verdammte Ziel passieren würde. Egal wie, egal wann.

Die Erfahrung aus den Marathons half mir sehr. Ich wusste einfach, welche KM leichter gingen und welche nicht und ich wusste auch, dass es nach KM22/23 noch einmal sehr hart werden würde. Härter als es ohnehin schon war. Denn die Gewissheit, gerade Mal die Hälfte geschafft zu haben aber noch mal so lange unterwegs zu sein – die ist immer hart. Egal ob man 5, 4 oder 3 Stunden läuft. Und es wurde verdammt hart.

Die nächsten 4 Kilometer schleppte ich mich dahin. Ich war einfach nur noch fertig. Schaffte ich es einen Kilometer ohne Pause durchzulaufen, war ich schon zufrieden. Bei KM 27 war es dann soweit. Mein Puls ist bei 153, ich habe wieder mal Seitenstechen. Die Atmung passt überhaupt nicht mehr. Die nächste Labestation ist nurnoch 10 Meter vor mir und ich denke „Bis dahin noch und dann ne kurze Pause“. Geht aber nicht. Ich taumle nach links zu den Büschen. Der Magen rebelliert, Brechreiz kündigt sich an. Ich kauere mich nieder, der Würgereflex setzt sofort ein. Nach 10 Mal höre ich auf zu zählen. Alles dreht sich und es wird ganz still. Zwei Polizisten sehen mich, schreien nach einem Betreuer von der Labestation. Der kommt und fragt wie es mir geht. „Nicht gut“ sag ich „aber 1x probiere ich es noch!“. Ich bitte ihn um zwei Becher Cola, die ich auch gleich bekomme. Das fährt ein wie eine Lokomotive. Ich stehe mit seiner Hilfe auf, gehe ein paar Schritte, werde schneller, fange an zu laufen. „Viel Glück noch“ schreit er mir nach und ich seh wie er den Kopf schüttelt. „Noch 15 Kilometer!“ denk ich mir und versuche weiterzulaufen. Es gab zwei Momente wo zwischen Aufgeben und Weitermachen nur Millimeter lagen. Der erste war bei KM 12 der zweite war genau jetzt.

Irgendwie war es nach dieser Situation bei KM27 anders. Es war einfacher. Ich wusste, dass ich dieses Tal jetzt geschafft hatte und ich jetzt am Weg ins Ziel war. Sicher, es war noch anstrengend. Ja, mein Magen rebellierte gegen jegliche Nahrngs und Flüssigkeitsaufnahme, aber ich wusste es: Ich würde dieses Rennen finishen. Knappe 1:40 lagen noch vor mir – aber ich würde dieses Rennen finishen.

Die nächsten 12 Kilometer waren daher recht ereignislos. Ich hielt meine Geschwindigkeit so um die 7min / Km und kam einfach vorwärts. Wieder sah ich meine Fans (Barbara, Stefan, Ursula & Julian), meine super Betreuerin Conny und auch wieder Stefan B. Der bot mir an die letzten 5 km mitzulaufen – was ich aber dankend ablehnte. Ich wusste, ich würde es alleine schaffen.

Bei KM 39, gerade als ich mir dachte „Hey ich habs geschafft – es kann nichts mehr passieren!“ passierte noch etwas. Mein Körper zeigte mir, dass er durchaus noch in der Lage war mir ein wenig weh zu tun. Der Unterschenkel links unten verkrampfte für eine halbe Sekunde. Instinktiv machst du da eine Ausweichbewegung und schreist vorsichtshalber mal lauft auf. So war es auch bei mir. Ich rede mit mir. Sage „Jaja, passt schon!“ und laufe weiter. Die Szene wiederholt sich einige Male. Bei Km 40 kommt dann der rechte Unterschenkel dazu. Ich denke mir, dass ich auch mit einem verkrampften Unterschenkel weiterlaufen könnte und schon passiert es: Oberschenkel links unten verkrampft sich für 5 Zehntelsekunden und macht mir eindrucksvoll klar, dass ohne ihn gar nichts mehr geht. Ich lache ein wenig und beginne meine Dankesrede.

Ich bedanke mich bei meinem Körper und explizit bei jedem Körperteil, dass so brav durchgehalten hatte. Ich lobe mich bin stolz. Ich danke meinem Trainer Franz Frühauf, der mich vom absoluten Lauftypen auf jeden Fall mal zu einem tollen Schwimmer gemacht hat. Ich danke meinen Ärzten nach dem Bandscheibenvorfall, meinen Physiotherapeuten. Ich danke Stefan K und Stefan B, Ursula und Babsi, meinen Eltern, der Julia und dem Max, Fladi und Petz. Ich danke für die Betreuung von Conny während dem Rennen und vor allem in den 8 Monaten davor…. und schlussendlich bedanke ich mich wieder einmal bei mir selbst: Dass ich nicht aufgegeben und durchgebissen hatte. Das war nicht leicht, nicht heute.

Als ich mit der Dankesrede fertig war, bog ich auch schon auf die Gerade vor dem Zieleinlauf ein. Ich hörte schon den Stadionsprecher, die Musik, die Leute – Wahnsinn. Was dann kam kann ich schwer beschreiben. Viel hatte ich mir für den Zieleinlauf vorgenommen, aber schlussendlich war ich von der Situation überfordert und paralysiert. Als ich in den Zieleinlauf einbog war ich wie in Trance. Ich sah noch Fladi schreien und mir die Hand entgegenstrecken – ich erreichte sie nicht. Sonst sah ich nichts mehr außer das Ziel. Nach zwölf Stunden siebenundvierzig Minuten beendete ich meinen ersten Ironman, nachdem ich 1:07 geschwommen, 6:05 geradelt und 5:16 gelaufen war.

Ich war am Ziel.

4 Antworten

  1. Gratuliere Dir Peter!
    Beim ersten zählt nur das Ankommen und darauf kannst du wirklich stolz sein!

    lg
    martin

  2. - Wille, Disziplin und Härte sind die drei Disziplinen des IRONMAN. Diese hast du gemeistert. Gratuliere Peter!

    Max

  3. Gratulation, tolle Leistung! Deine Berichte waren sehr spannend zu lesen. Hoffe das ich es in 2 Jahren auch mal wagen kann. Alles Gute weiterhin.
    mfg Rene’

  4. RESPEKT!!! Mir ist es Rätsel wie man solche Leistung überhaupt vollbringen kann, da ich nach einem marathon schon mehr als komlett „platt“ bin. :-)

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